Der Hype um Nahrungsergänzungsmittel: Was wirklich hält, was es verspricht
- Dr. Marcus Franz

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Mehr Energie. Ein stärkeres Immunsystem. Anti-Aging. Fettabbau. Muskelaufbau. Hormon-Optimierung.
Die Versprechen der Supplement-Industrie klingen verlockend – und sie verbreiten sich rasant, vor allem auf Social Media. Influencer zeigen beeindruckende Vorher-Nachher-Bilder, neue Trendbegriffe wie „Peptide“ machen die Runde, und die Botschaft ist immer dieselbe: Nimm dieses Produkt und du wirst dich besser fühlen, besser aussehen, länger leben.
Doch was ist dran an diesen Behauptungen? Als Arzt begegne ich täglich Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel nehmen – manchmal mit gutem Grund, oft aber auch einfach, weil sie auf Instagram oder TikTok eine überzeugende Empfehlung gesehen haben.
Dieser Beitrag soll Klarheit schaffen. Nicht als pauschale Verurteilung oder Werbung, sondern als Einladung, genauer hinzuschauen.
Was Nahrungsergänzungsmittel wirklich sind – und was nicht
Rechtlich betrachtet sind Nahrungsergänzungsmittel Lebensmittel. Keine Arzneimittel. Das klingt erstmal banal, ist aber der entscheidende Punkt: Sie sollen die Ernährung ergänzen, nicht Krankheiten behandeln oder heilen.
Und hier liegt ein grundlegender Unterschied, den viele nicht kennen: Während Arzneimittel in aufwendigen Studien ihre Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität nachweisen müssen, bevor sie auf den Markt dürfen, gilt das für Nahrungsergänzungsmittel nicht. Sie können verkauft werden, ohne dass ihre Wirkung jemals in klinischen Studien belegt wurde.
Das erklärt, warum der Markt so unüberschaubar ist. Zwischen Produkten mit solider wissenschaftlicher Basis und solchen, die vor allem von gutem Marketing leben, zu unterscheiden, ist für Laien kaum möglich.
Wann Supplements wirklich sinnvoll sind
Trotz aller Kritik: Nahrungsergänzungsmittel sind nicht grundsätzlich schlecht. Es gibt klare Situationen, in denen sie medizinisch sinnvoll – ja sogar notwendig – sind.
Der wichtigste Fall ist der nachgewiesene Mangel. Wenn im Blut tatsächlich zu wenig von einem bestimmten Vitamin oder Spurenelement vorhanden ist, kann eine gezielte Supplementierung nicht nur sinnvoll, sondern notwendig sein. Das gilt zum Beispiel für Vitamin B12, Eisen, Folsäure oder Vitamin D bei bestätigtem Defizit.
Auch bei bestimmten Erkrankungen oder nach Operationen kann die Nährstoffaufnahme gestört sein. Menschen mit chronischen Darmerkrankungen, nach Magenoperationen oder unter Langzeitmedikation, die die Nährstoffaufnahme beeinflusst, profitieren oft von gezielter Ergänzung.
Und dann gibt es Lebensphasen mit erhöhtem Bedarf. In der Schwangerschaft wird Folsäure zur Pflicht, bei veganer Ernährung ist Vitamin B12 meist unverzichtbar. Das ist kein Lifestyle, sondern medizinisch begründete Vorsorge.
Wo die Probleme beginnen
Das Problem ist nicht die gezielte Ergänzung bei nachgewiesenem Bedarf. Das Problem beginnt dort, wo Nahrungsergänzungsmittel zum Lifestyle-Produkt werden – ohne Indikation, ohne Diagnose, oft in Kombination mit Versprechen, die zu schön sind, um wahr zu sein.
Entgiftung. Zellverjüngung. Hormon-Optimierung. Stoffwechsel-Reset. Langlebigkeit.
Diese Begriffe klingen wissenschaftlich, sind aber oft nichts als Marketing-Vokabeln. Für die meisten dieser Behauptungen gibt es keine soliden Humanstudien. Was beworben wird, basiert nicht selten auf Zellkultur-Experimenten, Mausmodellen oder Einzelstudien, die bei genauerem Hinsehen keine klinische Relevanz haben.
Dass ein Stoff im Reagenzglas eine bestimmte Wirkung zeigt, heißt noch lange nicht, dass er im menschlichen Körper das Gleiche tut. Und dass eine Substanz bei Mäusen das Leben verlängert, sagt wenig über ihre Wirkung beim Menschen aus.
Der Peptid-Hype: Wenn Trend auf Risiko trifft
Ein besonders aktuelles Beispiel ist der Hype um Peptide. Das sind kurze Aminosäureverbindungen mit biologischer Aktivität – und ja, es gibt tatsächlich medizinisch etablierte Peptide, die als Arzneimittel zugelassen sind. Insulin ist eines davon, ebenso bestimmte Abnehmmedikamente. Diese Substanzen sind in jahrelangen Studien geprüft, ihre Dosierung ist klar definiert, ihre Anwendung erfolgt unter ärztlicher Aufsicht.
Ganz anders sieht es bei den frei verkäuflichen Peptiden aus, die im Internet gehandelt werden. Kryptische Namen, orale Präparate ohne belegte Wirksamkeit, Injektionsprodukte aus dubiosen Quellen – hier wird experimentiert, und zwar am eigenen Körper.
Gerade oral eingenommene Peptide sind in der Regel wirkungslos, weil sie im Magen zerlegt werden, noch bevor sie irgendwo ankommen könnten. Bei Injektionspräparaten aus dem Internet wird es richtig gefährlich: Reinheit, Dosierung und Sicherheit sind nicht überprüfbar. Selbst wenn auf der Verpackung „99 Prozent Reinheit“ steht – das eine Prozent kann gesundheitlich hochrelevant sein.
Ohne ärztliche Begleitung sind solche Experimente keine gute Idee.

Wenn Nahrungsergänzung zum Risiko wird
Viele unterschätzen, dass Supplements nicht einfach harmlose Nahrungsergänzungen sind. Sie können wirken – und wo Wirkung ist, sind auch Nebenwirkungen und Wechselwirkungen möglich.
Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte besonders vorsichtig sein. Die Nieren- und Leberfunktion spielt eine Rolle, Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen berücksichtigt werden, die Gerinnungssituation kann beeinflusst werden, und auch bei psychiatrischer Medikation ist Vorsicht geboten.
Nur wer medizinisch geschult ist, kann echte Mängel diagnostizieren, Laborwerte korrekt interpretieren, sinnvolle Dosierungen festlegen und mögliche Interaktionen erkennen. Blindes Einnehmen nach Social-Media-Empfehlung ist keine Gesundheitsstrategie – es ist Glücksspiel.
Langlebigkeit um jeden Preis?
In den sozialen Medien gibt es eine ganze Szene von Menschen, die täglich ihre Supplement-Routinen veröffentlichen. Oft sind es gut situierte Unternehmer, die enorme Summen in angebliche Anti-Aging-Programme investieren und beeindruckende Laborwerte vorweisen.
Aber entscheidend in der Medizin sind nicht Instagram-Bilder oder optimierte Blutwerte im Privatlabor. Entscheidend sind sogenannte harte klinische Endpunkte: weniger Erkrankungen, weniger Todesfälle, bessere Lebensqualität, messbare medizinische Verbesserungen.
Für viele gehypte Substanzen fehlen diese Daten vollständig. Dass jemand gut aussieht und von seinem Supplement-Programm schwärmt, ist kein Beleg für dessen Wirksamkeit – es ist eine Anekdote.
Fünf Fragen, die Sie sich vor jedem Kauf stellen sollten
Bevor Sie das nächste Mal ein Nahrungsergänzungsmittel kaufen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit und fragen Sie sich ehrlich:
Warum brauche ich das konkret? Nicht, weil es gerade Trend ist oder weil jemand im Internet davon schwärmt, sondern weil es einen nachvollziehbaren Grund in meiner persönlichen Situation gibt.
Gibt es hochwertige Studien dazu? Nicht Tierstudien oder Zellkultur-Experimente, sondern solide Untersuchungen am Menschen, am besten unabhängig von der Herstellerfirma durchgeführt.
Welche Dosis ist sinnvoll – und wie lange? Mehr hilft nicht immer mehr, und viele Substanzen sind nur in bestimmten Dosierungen und Zeiträumen sinnvoll.
Kann es mit meinen Medikamenten interagieren? Wenn Sie regelmäßig Medikamente nehmen, ist diese Frage besonders wichtig. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin kann das beurteilen.
Ist die Quelle seriös? Beziehe ich das Produkt von einem Anbieter, dem ich vertrauen kann, oder aus einer dubiosen Internetquelle?
Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen nicht klar beantworten können, ist Zurückhaltung die bessere Wahl.
Die langweilige Wahrheit über Gesundheit
Ich weiß, das klingt unspektakulär. Aber die Basis für langfristige Gesundheit ist tatsächlich wenig aufregend: regelmäßige Bewegung, erholsamer Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen und fundierte medizinische Beratung.
Kein Trend, kein Hype und kein Influencer ersetzt diese Grundlagen. Sie sind das Fundament – und Nahrungsergänzungsmittel können allenfalls eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn dieses Fundament bereits steht und wenn tatsächlich ein Bedarf besteht.
Fazit: Ein Werkzeug, kein Wundermittel
Nahrungsergänzungsmittel sind weder gut noch schlecht. Sie sind Werkzeuge.
Richtig eingesetzt können sie sinnvoll sein – bei nachgewiesenem Mangel, in besonderen Lebenssituationen, unter ärztlicher Begleitung. Unkritisch verwendet bergen sie Risiken, besonders wenn sie aus fragwürdigen Quellen stammen oder wenn sie als Ersatz für eine gesunde Lebensweise dienen sollen.
Gesundheit entsteht nicht durch blinde Hoffnung auf Kapseln. Sie entsteht durch informierte Entscheidungen, durch kritisches Hinterfragen und durch die Bereitschaft, den manchmal langweiligeren, aber dafür sichereren Weg zu gehen.
Wenn Sie das nächste Mal ein Supplement in der Hand halten, das Ihnen ewige Jugend, grenzenlose Energie oder einen Stoffwechsel-Reset verspricht – atmen Sie durch. Fragen Sie sich, was wirklich dran ist. Und lassen Sie sich nicht von glänzenden Versprechen blenden, sondern vertrauen Sie auf das, was die Wissenschaft wirklich belegt. Ihr Körper wird es Ihnen danken.
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